Deutsches Literaturarchiv Marbach: Kosmos der Poesie

by admin

Poetische Welt im Interview mit Prof. Dr. Heike Gfrereis, Leiterin der Museen des DLA*

*Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) mit Schiller-Nationalmuseum und Literaturmuseum der Moderne 

Beschreiben Sie das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) bitte in einem Satz:
Eines der größten Literaturarchive weltweit mit gleich zwei großen Museen, in denen poetische Welten ausgestellt werden.

Welche Emotionen verbinden Sie mit diesem Ort?
Vor allem zwei: Das Gefühl, beschenkt zu werden, und das Gefühl, nie zu wissen, was passiert.

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz – „Das Deutsche Literaturarchiv Marbach ist ein Raum, wo …“
… die Poesie vom Kopf auf die Füße gestellt wird und von den Füßen auf dem Kopf, und man daher Literatur erfahren kann, wie man es sonst nirgends kann.

Nennen Sie bitte drei Eigenschaften, die das Archiv besonders auszeichnen:
Begeisterung, Bewegung und Beharrlichkeit.

Wie lautet das Motto des DLA?
Wir haben kein Motto, aber eine Leitfrage: „Was ist Literatur?“

Welche/n Inhalt/Botschaft/Gefühle soll das Motto vermitteln?
Literatur zeigt uns, dass nichts selbstverständlich ist – auch sie selbst nicht. Sie ist kein Phänomen, das auf das Buch und eine Perspektive beschränkt ist, sondern eines, das lebendig ist, weil es viele Perspektiven zulässt und in unterschiedlichen Medien erscheinen kann.

Warum sollte man das DLA besuchen?
Weil es ein Ort ist, an dem man das Glück erster Entdeckungen erleben kann: Hier findet man Dinge, die man nicht suchen kann. Und weil es ein Ort ist, an dem immer auch eine etwas andere, weniger schnelle Zeit zu gelten scheint und man sich selbst so noch einmal ganz anders kennenlernt.

Wie begrüßen Sie (die Mitarbeiter) die Besucher?
Das kommt darauf an, ob die Besucher ins Archiv oder die Bibliothek oder die Museen gehen. Im Archiv und in der Bibliothek muss man sich anmelden und man kommt auch meistens öfter, so dass die Begrüßung schnell persönlich ist. In die Museen können alle ohne Anmeldung. Hier begrüßen wir herzlich und zur Zeit auch mit Geschenken – jeder darf sich einen Buchstaben aus einem von Cornelia Funke gemalten Alphabet aussuchen.

Was sollte man in den Museen des DLA gesehen bzw. erlebt haben?
Auf alle Fälle: Die Ausstellungen, den Blick von der Terrasse des Literaturmuseums der Moderne und einen Sonnenuntergang.

Nennen Sie uns Ihren Lieblingsplatz im DLA – und den Grund dazu:
Ich habe eine Lieblingsstelle: Den Blick durch die Vitrinen der Daueraussstellung im Literaturmuseum der Moderne ins Tageslicht und die Obstbäume draußen. Das löst das Paradox aus Goethes Faust: Graue Theorie ist hier immer auch des Lebens grüner Baum.

Was sind Ihre Lieblings-Exponate – und warum?
Das Schöne am Archiv ist, dass es nicht nur das Einzelne ist, was fasziniert, sondern auch die Verbindungen zu anderen Stücken. So sind die Lieblingsobjekte oft die, an denen man sowohl auf das Einzelne wie die Verbindungen besonders gut zeigen kann – aber auch die, die sich diesem Zeigen von etwas gerade widersetzen. Zu diesen absoluten Rätselobjekten gehört ein Kuvert mit Goethes Unterschrift und abgeschnittenen Fäden. Keiner weiß von was oder wem.

Das DLA begleitet das Hölderlinjahr 2020 mit einer großen Ausstellung – was macht den Dichter so interessant?
Aus der Perspektive des Archivs: Seine Wirkung – er hat eine Vorstellung von moderner Dichtung erfunden, die erst im 20. Jahrhundert realisiert worden ist, vor allem mit seinen späten Gedichten, den sogenannten Scardanelli- oder Turmgedichten. Aber er wurde auch ideologisch als Kriegs- und Vaterlandsdichter missbraucht, vor allem von den Nationalsozialisten. Und das ist der Punkt, der mich persönlich am meisten interessiert: Wie verhindert man, dass die Poesie ideologisch benutzt wird, wie zeigt man, wie viel Freiheit uns gerade sie schenken kann? Wie bewahrt man Hölderlin vor solchen Interpretationen?

Wie kann uns Hölderlin heute inspirieren?
Indem wir seine Sprache ernst nehmen, als Kunst, als Klang und Rhythmus, Bild und Zeichen und nicht nur als Form für einen davon unabhängigen Sinn.

Welchen besonderen Eindruck / welches besondere Gefühl sollen die Besucher mit nach Hause nehmen?
Wer Hölderlin laut liest, der braucht viel Atem und muss seine Stimme auf eine gleichsam höhere Ebene bringen. Er ist ein Dichter des hohen Tons. Wie schön dieser Ton sein kann, wie natürlich und wie wenig – in einem schlechten Sinn – pathetisch, das kann man, hoffe ich, sehr gut in den unterschiedlichsten Kapiteln der Ausstellung erfahren. Daher wünsche ich mir, dass unsere Besucher schon ein wenig beseelt hinausgehen, höher gestimmt, ästhetischer und freier. Oskar Pastior hat das 1995 in einem Denkbild so beschrieben: „Nun ist es Leichtsinn, Unfug, Humbug; wenn mir nämlich in einem Atem gleich zwei Namen einfallen: Hopi und Hölderlin. Hölderlin ist eine schöne, dem Deutschen verwandte Sprache; Hopi verstehen die Hopi sprechenden Hopi-Indianer, Die Überlegungen, rororo, über Sprache und Denken, von Benjamin Lee Whorf, noch in Bukarest in die Hand gekommen, mir, hatten ja mit beidem zu tun. Über den Leichtsinn des Denkens zu sprechen. Die Wissenschaft glaubt nicht sprechen zu müssen; sie hält Hopi und Hölderlin für das schlechte Gewissen der Wissenschaft.“

Vielen herzlichen Dank. 

Ein Beitrag im Rahmen unserer Reihe „Poetische Räume“. 

 

Friedrich Hölderlin.

Pastell von Franz Karl Hiemer (1792).

Zum DLA:

Was kann man in den Marbacher Literaturmuseen sehen?

Im Mittelpunkt der Ausstellungen des Deutschen Literaturarchivs stehen ästhetische Produktions- und Erfahrungsprozesse und ihre sprachlichen wie historischen Bedingungen. Literatur ist kein Phänomen, das auf das Buch und eine Perspektive beschränkt ist, sondern eines, das lebendig ist, weil es viele Perspektiven zulässt und in unterschiedlichen Medien erscheinen kann.

Daher können sich Besucherinnen und Besucher in unseren Ausstellungen mit Dingen – Texte, Manuskripte, Briefe, Fotos, Filme, Tonaufnahmen, Alltagsgegenstände und Kunstwerke aus dem Archiv, aber auch eigens für das Ausstellen erfundene Objekte – selbst schreibend und lesend auseinandersetzen. Dieser individuelle kreative Zugang ermöglicht nicht nur einen neuen Blick auf literarische Texte und ihre archivierbaren Spuren, sondern hilft auch der Wissenschaft, ästhetische Prozesse genauer zu erforschen und besser zu verstehen.

Homepage: https://www.dla-marbach.de/.

Titelfoto: Literaturmuseum der Moderne und Schiller-Nationalmuseum. Foto: DLA Marbach
Beitragsfoto: Luftaufnahme Campus Schillerhöhe. Foto: Werner Kuhnle.

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